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23.10.07 08:01

Viennale-Tagebuch, Teil 4: Michael Clayton

...und die Erzählformen des neuen Hollywood

Ich fand es irgendwie schade. Eigentlich war Michael Clayton eine gelungene Charakterstudie, die insgesamt nur knapp am schwachen Justizkrimi-Plot scheiterte, doch hat mich an der Inszenierung vor allem eines gestört: Der fade Beigeschmack des plötzlichen Zeitsprungs, wenig subtil zu erkennen am Zwischentitel „Four Days Earlier“, nach gut 20 Minuten Laufzeit. Es ist einfach ein Unding zu glauben, man könne im Jahr 2007 noch immer mit „cleveren“ Zeitsprüngen das Publikum überraschen. Es ist doch immer dasselbe: Man zeigt ein paar Szenen, dann passiert etwas Überraschendes. Dann folgt der Zeitsprung zurück. Nun wird gezeigt, wie es zu dieser überraschenden Situation kam, die vorher so nett angeteast wurde. Und immer, wirklich immer passiert das Gleiche: Man erfährt im folgenden Handlungsverlauf etwas mehr, und die überraschende Situation erscheint in einem anderen Licht. Und was passiert mit derlei Überraschungen, wenn sie als Stilmittel zu oft angewandt werden? Klar, sie sind einfach nicht mehr überraschend. Erst Recht nicht, wenn es wie bei Michael Clayton nicht einmal zu einer wirklichen Kontextverschiebung kommt, sondern einfach nur der Hintergrund der Situation besser ausgeleuchtet wurde. Ergo: Es ist langweilig.

Dazu kommt, dass die teils sprunghafte und lückenhafte Erzählweise von Michael Clayton den Anschein erweckt, als diene sie einzig und allein dem Kaschieren der arg vorhersehbaren Story. Frei nach dem Motto: „Wenn Du sie nicht überzeugen kannst, verwirre sie!“

Eine Vielzahl pseudo-ambitionierter Filme und Filmemacher bedienen sich verwirrenden Elementen in der Erzählung, um diese stilistisch von der Masse abzuheben. Konventionell erzählt, würden diese Filme einfach nicht funktionieren. Bestes Beispiel dafür ist Memento. Was wäre Christopher Nolans Werk in chronologischer Erzählweise? Doch den Film zeichnet etwas Wichtiges aus: Er hat Substanz. Und so wie er ist, ist er ein Kunstwerk. Ähnliche Beispiele sind zahlreich, gerade in den 90ern hat Quentin Tarantino viel für dafür getan, unkonventionelle Erzählformen im Mainstreamkino salonfähig zu machen. Dennoch boten selbst seine Filme meist genug, um die mit Coolness ausgestellten Schecks durch Substanz zu decken. Was aber, wenn sich ein Film durch nichts anderes auszeichnet, außer eben durch eine verwirrende Erzählweise? Verkommt die Inszenierung dann nicht nur zum Blendwerk?

Und im Kontext: Leben wir in einer Experimentalphase des Mainstreamkinos? Selbstverständlich entwickeln sich Erzählstrukturen stetig fort, nur wirken derzeit viele Filme wie gescheiterte Versuche, mit gewohnten Erzählstrukturen zu brechen. Zugegeben, in Michael Clayton findet sich dahin gehend nur dieser eine Trick, deren Vorgriff in Sachen Informationsvergabe am Ende des Films dann reichlich unnötig erscheint, und eben dadurch dem ganzen Film einen faden Beigeschmack verpasst. Es reicht also, um aufzufallen. Viel mehr funktioniert dieser Zeitsprung in Michael Clayton ausschließlich als Teaser in einer langen, vorwiegend expositorisch geprägten Phase, der letztlich nur den Zuschauer darauf hinweisen soll, geduldig zu sein und die entstandenen Längen zu akzeptieren, denn irgendwann am Ende wartet ja noch ein wenig Action. Schlimmer noch, in einem in Charakterstudie und Justizkrimi zweigeteilten Film wie Michael Clayton wirkt eine solche Szene fast wie eine Entschuldigung an das mit geringer Aufmerksamkeitsspanne ausgestattete Mainstreamkino, dass man ihm so etwas wie eine ruhige Charakterstudie überhaupt vorsetzt. Passt das zusammen? Ist das jetzt ein Zugeständnis zugunsten der Integration anspruchsvoller Filme im White Chicks- und Norbit-Universum? Oder lediglich die Anbiederung der kleinen an die großen?

Michael Clayton weist jedenfalls ein leidiges Krankheitssymptom einer ganzen Generation junger Filme auf, die irgendwo zwischen Independentkino und Mainstreamtauglichkeit angesiedelt sind. In Zeiten, wo Major-Studios programmatisch kleine Independent-Ableger in Leben rufen ist diese Unentschlossenheit wohl nur eine notwendige, vermutlich zwischenzeitliche Konsequenz. Oder sind wir, das Publikum, mit unseren Sehgewohnheiten einfach noch nicht bereit?
(cs)

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comments
#1
Guru
23.10.07 09:32
Gut gesprochen, Herr Christian! Nach oben
#2
Herr Trotz (Gast)
24.10.07 13:41
wow. linguisisch ambitionierte linksrechtskombinationen mit einer reflektierten partion recht-hat-er.

und das alles trotz ca. 8 biergetränken pro abend. hab ich respekt für, hab ich.
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